Rot sehen – zwei Fernsehtage in China

Kleinfamilie vor Propagandaplakat

„Dongfang hong“, tönt es aus dem Wohnzimmer meiner Vermieterin in Peking, Frau Sun: „Der Osten ist rot“. In Jogginghose und Schlappen steht die Rentnerin vor ihrem Fernseher. Über den Bildschirm marschieren singende Massen, links, rechts, links, rote Fahnen wehen über ihren Köpfen. Frau Sun klopft sich mit einem Massagestock auf die Schultern, links, rechts, links, und singt dazu: „Ohne die kommunistische Partei kein neues China!“

Freitagabend. Ich freue mich auf ein gemütliches Fernsehwochenende mit chinesischen Soaps und Filmen. Stattdessen erwarten mich – wie ein Fünftel der Weltbevölkerung – Revolutionsschlager und gleichgeschaltete Nachrichten auf allen Kanälen. Zu sehen sind Fabrikarbeiter in gelber Kluft, die sich in einen kleinen Raum quetschen und auf einen Fernseher starren. „Millionen Menschen drängen sich vor den Bildschirmen, um Jiang Zemins Rede zu hören“, jubelt der Sprecher. Studenten verfolgen die Eröffnungszeremonie im Hörsaal, schwenken kleine rote Fahnen. „Die Studenten sind fröhlich und aufgeregt“, erklärt die Sprecherin in roter Bluse vor einer großen roten Flagge. „Der Parteitag beginnt, das Wetter ist gut, dies ist ein großer Tag“, zwitschert eine Passantin ins Mikrofon.

„Der Parteitag beginnt, das Wetter ist gut, dies ist ein großer Tag“

Samstag. Auf der Suche nach einem Spielfilm bin ich endlich fündig geworden. Ein Revolutionsfilm. Maos Truppen kämpfen gegen die Nationalisten. Soldaten robben durch Schützengräben, um sie herum knallt und explodiert es, dazu Marschmusik. Als auch der letzte Nationalchinese tot auf dem Schlachtfeld liegt, schalte ich um. Das Bildungsprogramm feiert die Ein-Kind-Politik: „Wir sind weltweit das einzige Land, das sein Bevölkerungswachstum erfolgreich kontrolliert.“

Paukenschläge, Feuerwerk und Paraden sind die Zutaten der Werbespots für Partei und Nation zwischen den Sendungen. Sie zeigen Reisbauern auf dem Feld, Arbeiter beim Schweißen, Wolkenkratzer und Schnellstraßen. Ein kleiner Junge malt die Umrisse Chinas in den Sand und steckt ein kleines rotes Fähnchen hinein. „Wir feiern begeistert die erfolgreiche Eröffnung des 16. Parteitags“, verkünden gelbe Schriftzeichen auf rotem Grund.

Ich suche nach Musik, hoffe auf ein chinesisches MTV. Eine Opernsängerin steht auf einem Berg, ihr knallrotes Kleid flattert im Winde. „Vaterland, mein Vaterland“, singt sie mit schrillem Sopran. Im Videoclip dazu die große Mauer im Abendrot, Maos rote Garden, die chinesische Raumfähre, die Rückgabe Hongkongs. Ich zappe weiter. „Historischer Tag“… „Freude spiegelt sich auf allen Gesichtern“… „China hat eine große Zukunft“… „Gesellschaft des Wohlstands“…

Ich brauche eine Pause und neue Chips. Im Einkaufszentrum drängeln sich die Pekinger in der Videoabteilung vor dem Fernsehgerät. Hier sind sie also, die Bürger, die selbst beim Einkaufen die Parteitagsnachrichten verfolgen. Plötzliches Gelächter. Ein Mann stolpert über den Bildschirm, die Unterhose hängt ihm in den Kniekehlen. Das Volk schaut Mr. Bean.

erschienen in: Frankfurter Rundschau, Nr. 264

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