Immer locker bleiben! Schreiben, Impro und Humor

Charlotte und Ralf sind hauptberuflich Comedy- und Kabarett-Autoren, unter anderem für Harald Schmidt und Kaya Yanar. Sie schreiben einzelne Gags, helfen bei der Erstellung von kompletten Programmen, und stehen selbst auf der Bühne. In ihren Workshops vermitteln sie spielerisch Comedy und freies Schreiben. Wir haben darüber gesprochen, wie man Improvisations-Techniken fürs Schreiben nutzen kann und Humor in die eigenen Texte bringt.

Charlotte und Ralf, wie helft ihr anderen dabei, ihr individuelles Comedy-Programm zu entwickeln?

Viele, die Comedy machen wollen, denken, sie müssten über Sex, Beziehungen oder Körperfunktionen schreiben. Und sie machen den Fehler, davon auszugehen, dass Comedy immer lustig sein muss. Wir sagen: Guck erstmal, was du zu erzählen hast und dann sehen wir, ob wir es lustig oder berührend machen können. Dazu reden wir viel mit den Comedians und bohren nach, was sie zu erzählen haben. Da wir aus verschiedenen Feldern kommen – Schauspielerei, Schreiben, Improvisation – können wir das von verschiedenen Seiten angehen. Man sollte auch nicht neunzig Minuten lang nur Gags aneinanderreihen. Das Publikum braucht etwas zum Lachen und zwischendurch etwas Nachdenkliches, da kann also viel mehr drinstecken.

Kann man Impro-Theaterspielen lernen?

Wir haben noch nie jemanden getroffen, der nicht besser geworden wäre. Einige haben eine stärkere Affinität dazu, aber wir konnten es eigentlich alle mal. Als Kinder haben wir immer gespielt. Wir haben das verlernt und diese Blockaden müssen wir wegräumen. Wenn Kinder mit Erwachsenen spielen, überlegen sie auch nicht, ob das für die Erwachsenen jetzt gerade langweilig ist. Das Talent haben wir also alle in uns, wir müssen es nur wieder rauskramen.

Wie muss ich mir die Übungen in euren Workshops vorstellen?

Wir machen viele Übungen zum Assoziieren und Loslassen vom Kopf her. Das wirkt ein bisschen wie Kindergeburtstag. Manche Leute wundern sich, warum sie sich bei uns im Kreis aufstellen und komische Spiele machen müssen, aber damit weichen wir die Blockaden auf und fördern das Spielerische. Wir geben die Erlaubnis, Quatsch zu machen. Die Leute finden Gefallen daran, aber sie denken, dass sie dann im normalen Leben blöd angeguckt werden.

Wir geben die Erlaubnis, Quatsch zu machen.

Charlotte und Ralf

Die Regel Nummer eins beim Impro-Theater geht so: Eine Person sagt „Komm, lass uns …“ und die andere Person antwortet „ja, und dann …“. Dann geht jeder Satz abwechselnd weiter mit „ja, und dann …“. Das „ja“ ist wichtig, weil das Gesagte damit angenommen wird, und du nur so mit anderen Leuten spielen kannst. Das „und dann“ spinnt die Handlung weiter und macht sie größer.

Können Schreibende diese Übung auch allein mit einem Text machen?

Man kann das genauso machen und sich das „ja, und dann …“ zwischen jedem Satz denken, im einzelnen Kapitel oder bei der Zusammenfassung des Buches. Mein Hinweis wäre, das nicht nur einmal zu machen, sondern mehrmals. Man hat ja oft den Gedanken, dass man eine Version aufschreibt und die soll es dann sein. Dabei gehen die Ansprüche viel zu hoch.

Man kann alles ausprobieren. Die Figuren sitzen in der Falle, und man lässt sie einmal durch die Tür entkommen und einmal durchs Fenster. Dann kann man im Nachhinein immer noch gucken, was einem besser gefällt. Dieses Spielerische, das Ausprobieren, das ist die große Befreiung.

Mir scheint, diese Übung eignet sich sowohl fürs Plotten als auch fürs Drauflosschreiben: Man kann damit den Plot entwickeln oder sich aus einer Sackgasse wieder herausschreiben.

Definitiv. Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Manchmal plane ich, manchmal lese ich etwas nach, manchmal spiele ich einfach – und dann will ich nur spielen. Nicht mit dem Zensor im Hinterkopf: „Ja, und dann … aber ist das gut genug?“ Dann hast du wieder diese Bremse drin.

Wenn man ein Buch schreibt, kann man mal überlegen: Was ist das Blödeste oder Langweiligste, was meine Figuren jetzt machen können? Dann schreibst du eine Liste, und vielleicht ist danach eine gute Sache oder eine Dialogzeile dabei. Alles ist ein Gewinn.

Beim Schreiben wie beim Impro-Theater ist es gut, wahrzunehmen, was in dem Moment los ist und was es gerade braucht. Es gibt Leute, die in eine Szene reingehen und denken: Da muss es hingehen, das ziehe ich durch. Wenn dann etwas anderes passiert, sind sie nicht mehr frei genug, darauf einzugehen. Wenn man einen Roman schreibt, ist das auch so. Es gibt diesen Satz: Meine Figuren schreiben sich selbst, irgendwann muss ich nicht mehr nachdenken. Aber dann höre auf deine Figuren! Nimm wahr, was los ist und versuche nicht, sie in deinen Plan reinzustopfen. Vielleicht ändert sich dadurch alles, aber das ist OK.

Man kann überlegen: Was ist das Blödeste oder Langweiligste, was meine Figuren jetzt machen könnten?

Charlotte und Ralf

Ich höre oft, dass jemand einen ganzen Roman durchgeplottet hat und dann die Lust verliert, ihn zu schreiben…

Plotten ist eine legitime Art, zu arbeiten, wenn man sich dadurch nicht den Spaß verdirbt. Man muss aber bereit sein, auch ganz woanders hinzugehen. Wenn eine Figur, die man als Hauptfigur geplant hatte, nicht funktioniert, muss man loslassen können. Das ist schwierig, wenn man so durchgeplant ist.

Charakterblätter für Romanfiguren sind gut, aber ich mache sie in zehnfacher Ausführung. Und ich nenne es mögliche Plotpoints, mögliche Szenen, Arbeitstitel. Ich habe mir mal überlegt, was mein erster Satz sein könnte, und alles runtergeschrieben. Es war kein Satz dabei, den ich dafür nutzen konnte, aber dafür sind drei gute Dialogzeilen und eine neue Szene rausgekommen.

Man sollte sich also möglichst lange vieles offen lassen, damit man sich keine Möglichkeiten nimmt!

Genau, denn wenn man etwas festklopft, ist es schwer, das wieder aufzubrechen. Auch wenn wir etwas am Computer tippen, sieht es gleich wie gedruckt aus, und dadurch wird der Text viel zu „heilig“. Wir arbeiten viel visuell, mit Post-its oder Papierrollen, auf denen wir großflächig etwas aufmalen. Du musst deinen eigenen Weg finden, kreativ zu sein. Du kannst den Boden vollschreiben oder dir aus Knete irgendwelche Figuren machen, wenn dich das weiterbringt. Es gibt nicht den einen Weg. Man muss selbst ausprobieren, was funktioniert.

Wie kann ich Humor bei meinen Figuren oder in meinem Roman einsetzen?

Unsere wichtigste Erkenntnis ist: Die komische Figur weiß selbst nicht, dass sie komisch ist. Mr. Bean findet das, was er macht, nicht lustig. Für ihn ist das Alltag, vielleicht leidet er darunter oder wundert sich, aber für ihn ist es ganz normal. Lustig ist es für uns, die wir von außen draufgucken. Dann hat man zwei Möglichkeiten, mit der Figur lustig zu sein: Entweder, sie verhält sich so, wie wir es erwarten, oder sie macht etwas komplett Unerwartetes. Bei der Handlung gibt es das Prinzip der Farce. Die Hauptfigur trifft dabei immer die möglichst schlechteste Entscheidung, die sie treffen konnte, und dadurch wird es lustig.

Auf der Website ihrer „Akademie für Entertainment“ gibt’s alle Infos zu den Workshops von Charlotte und Ralf. Derzeit bieten sie zweimal monatlich eine Online-Schreibwerkstatt mit Themen und Übungen rund ums Schreiben und Kreativsein an. Aber auch als Einzelperson kann man sich mit Fragen, Text- oder Coaching-Bedarf gerne an die beiden wenden.

Hat dir der Artikel gefallen? Dann freue ich mich, wenn du ihn in deinen Netzwerken teilst!