Sechs-Wort-Geschichten gelten allgemein als die kürzeste Spielart der Miniaturprosa. Aber es geht noch kürzer: Mit Drei-Wort-Geschichten! Doch wie entsteht aus drei Wörtern tatsächlich eine Geschichte voller Dramatik und Emotionen? Und wann sind es einfach nur … naja … drei Wörter? In diesem Beitrag erfährst du, was den Reiz von Three Word Stories ausmacht, und wie du sie schreiben kannst.
„Ich liebe dich.“
Ein vielgesagter, zeitloser Satz. Er steckt voller Gefühl und ist für viele von uns mit schönen Erinnerungen verknüpft. Aber macht ihn das schon zu einer Liebesgeschichte?
Ich behaupte: Nein, denn es gibt keinen Konflikt, keine Veränderung. Wir denken nicht automatisch an ein Davor, ein Danach, oder gar an etwas Dramatisches.
Stoff für Stories: Konflikt und Veränderung
In dem Satz „Ich dich nicht“ steckt dagegen eine Geschichte. Er impliziert ein Gegenüber und es schwingt ein Dialog mit, den wir automatisch vervollständigen. Wir ahnen: Da gibt es zwei Figuren, von denen die eine liebt – und die andere nicht.
Wir spüren einen Konflikt und fragen uns: Markiert der Satz das Ende einer Beziehung? Oder geht es um eine unerfüllte Liebe? Die dazugehörige Geschichte entsteht nur in unseren Köpfen und ihre Details sind für uns alle verschieden. Aber wir sind uns einig: sie verläuft tragisch.
Die Story spielt sich im Kopf ab
Die richtigen drei Wörter haben also das Potenzial, in den Köpfen der Lesenden eine Geschichte entstehen zu lassen. Schauen wir uns noch ein Beispiel an:
„Der tut nichts!“
Woran hast du dabei gedacht? Vermutlich an eine Begegnung mit einem Hund mit der Vorahnung, dass gleich etwas (Gefährliches) passieren wird. Denn wenn sich Fiffi brav streicheln lässt, wäre das kein Stoff für eine Geschichte!
Ähnlich funktioniert diese Story:
„Das sollte halten!“
Auch hier stehen wir an einem Punkt im Geschehen kurz vor einer Katastrophe. Wir hören eine beschwichtigende Stimme und ergänzen automatisch, dass der Knoten, der zugefrorene See, der Steg – oder was auch immer – eben nicht halten wird.
Diese Geschichte ist offener als das vorige Beispiel. Beim Lesen der drei Wörter entstehen in unseren Köpfen zwar ganz verschiedene Handlungen, aber alle verlaufen spannend bis tragisch. Denn diese klassische Dramaturgie haben wir verinnerlicht.
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SCHREIBFREUDE KLINGT GUTOffenheit und Raum für Fantasie
Schauen wir uns drei andere Wörter an, die noch offener sind:
„Ist da jemand?“
Klar ist hier nur: Wir haben eine handelnde Figur, die eine Frage stellt. Wo befindet sich die Figur? Wir spüren Stille, etwas Unheimliches oder Dunkelheit. Möchte die Figur, dass ihre Frage bejaht wird, oder fürchtet sie sich davor? Wird ihr jemand antworten, und wenn ja: Wer ist dieser Jemand? Durch die Frageform bekommt unsere Fantasie besonders viel Raum.
Doch nicht nur Fragen können diesen Raum öffnen. Bei drei Wörtern wie „ich bin schwanger“ ist gedanklich ebenfalls vieles möglich. Spricht hier eine Minderjährige – oder eine reifere Frau, die sich schon lange ein Kind wünscht? Wie sieht ihr Leben und das Verhältnis zum Vater aus? Wie fühlt sie sich, als sie diesen Satz ausspricht? Sagt sie ihn am Anfang oder am Ende der Geschichte?
Schreibtipps für Drei-Wort-Geschichten
Juckt es dich jetzt in den Fingern, das auszuprobieren? Dann helfen dir folgende Überlegungen bei der Auswahl der passenden drei Wörter:
- Wer sagt oder denkt diese Wörter?
- Schwingt ein Konflikt mit oder steht etwas auf dem Spiel?
- Was verändert sich?
Interessant ist auch die Frage, an welchem Punkt in der Handlung diese drei Wörter stehen. Befinden wir uns kurz vor dem zentralen Ereignis oder schon mittendrin? Was passiert davor oder danach? Natürlich kannst du auch ausgehend vom Ende erzählen: Beim Satz „er war gutartig“ blicken wir im Kopf zurück auf einen Handlungsverlauf voller Sorgen und Emotionen …
Versetze dich in die Lesenden hinein:
- Wie viel Potenzial für Kopfkino steckt in deinen drei Wörtern?
- Welche Geschichte taucht vor dem inneren Auge auf?
- Findest du diese Geschichte erzählenswert?
Kurze Stories fordern Lesende heraus
Nicht jeder Satz mit drei Wörtern ist also eine Story. Lebensweisheiten oder Sprüche wie “Irren ist menschlich” sind beispielsweise eher “geschlossen” und transportieren Werte oder eine Moral. Ein Aussage wie “schönes Wetter heute” beschreibt einen Fakt, einen Zustand oder eine Meinung. Eine gelungene Drei-Wort-Geschichte dagegen öffnet gedankliche Räume und kurbelt die Fantasie an.
Doch je kürzer die Story ist, desto mehr Arbeit haben die Lesenden mit ihr: Sie müssen mitdenken und die Leerstellen füllen. Wir machen sie quasi zu Co-Autor:innen. Das fordert sie heraus, hat aber einen besonderen Reiz. Der Autor Mark Budman beschreibt das so:
“As a reader, I want the unsaid, the unwritten. I want to work with the writer to help them build a world for me.”
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