Das Fundament für entspanntes Schreiben

In der deutschsprachigen Schreib-Community weht ein eisiger Wind. Ich kann nur den Kopf schütteln, wenn ich lese, wie in Schreibforen mit Schreibenden und ihren Texten umgegangen wird. Selbst in teuren Schreibkursen – und erst recht an den Unis – herrscht oft ein rauer Umgangston. Hinzu kommt ein verstaubter Zugang zu dem, was „gutes Schreiben“ sein sollte, der vielen die spielerische Freude an ihren eigenen Ideen und Worten raubt.

Wie so oft ist man im englischsprachigen Raum längst einen Schritt weiter. Dort lehrt man Schreiben erfolgreich mit kreativen Methoden wie „Gateless Writing“. Hier einige Grundprinzipien (wenn ihr mich fragt, sollten sie eigentlich common sense für Schreibende sein):

I. Wir alle haben das Recht, zu schreiben

The right to write. Schreiben dürfen nicht nur einige wenige Genies. Nein, es ist ein Recht, das uns niemand nehmen kann oder miesmachen darf. Das englische writer ist inklusiver als unsere deutschen Begriffe „Autor:in“ oder „Schriftsteller:in“, mit denen man fast automatisch einen Bestseller verbindet. Darum spreche ich lieber von den „Schreibenden“.

In der amerikanischen Schreibszene ist es übrigens nicht ungewöhnlich, mit Zehnjährigen ein Memoir zu schreiben! Sie müssen nicht damit warten, bis sie siebzig sind, denn auch Kinder und Jugendliche haben Erinnerungen – und darum geht‘s.

II. Schreiben lernen wir durch Schreiben

Natalie Goldberg predigt ihre Idee der writing practice seit Jahrzehnten. Mit regelmäßigen kurzen Schreibübungen trainieren wir allmählich unseren Schreibmuskel, genau wie beim Sport. Impulse helfen dabei, uns zu fokussieren und wie von selbst Schreibideen zu finden. Ein Impuls, das kann eine Sache wie „Schokolade“ sein, ein Gefühl wie „Vertrauen“, ein Foto, ein Song … Oder Goldbergs Klassiker: „Ich erinnere mich …“. Sie selbst hat über tausend Mal zu diesem einen Impuls geschrieben!

Am besten schreiben wir häufig und in kurzen Einheiten. Egal, ob Morgenseiten, Abendseiten oder Nachtseiten. Fünf, zehn oder fünfzehn Minuten lang. Es hilft, wenn wir auch längere Schreibprojekte in kleinen, machbaren Schritten angehen. Das bewährte Prinzip Bird by bird.

III. Wir brauchen stärkendes Feedback

Gerade, wenn wir bei einer Sache (noch) unsicher sind, kann ein „Dämpfer“ – wie eine negative Äußerung über unseren Text – dazu führen, dass wir wieder aufgeben. Positive Rückmeldungen, wie wir sie im Gateless Writing einsetzen, stärken und motivieren uns. So bekommen wir Lust, weiterzumachen und können uns entwickeln.

Hinzu kommt, dass sich negative Gedanken, Gefühle oder Erlebnisse psychisch stärker auswirken als neutrale oder positive (der berühmte negativity bias oder „Negativitätseffekt“). Das heißt, wir Menschen sind so gepolt, dass wir unsere Aufmerksamkeit eher auf das richten, was uns negativ erscheint. Positives nehmen wir nur eingeschränkt wahr. Indem wir unseren Blickwinkel verändern, können wir bewusst gegensteuern. (Das gilt übrigens nicht nur fürs Schreiben!)

IV. Wir lernen von guten Beispielen

Mit diesem positiven Ansatz schärfen wir unseren Blick dafür, was in den Texten anderer gut funktioniert, und lernen daraus für unser eigenes Schreiben. Im Gateless Writing fragen wir uns beim Lesen oder Zuhören: „Was hat mich an diesem Text berührt, und warum?“

Dabei hilft auch die Vielfalt einer Schreibgruppe. Eine Person schreibt vielleicht lebensnahe Dialoge, eine zweite atmosphärische Szenen, eine dritte findet ungewöhnliche Sprachbilder, und bei der vierten schmunzeln wir über den Humor. Wie machen sie das jeweils, und warum funktioniert es so gut? So lernen wir etwas übers Schreibhandwerk und über individuelle Schreibstimmen.

V. Wir dürfen keine Angst haben

Es ist wissenschaftlich erwiesen: Wenn wir uns fürchten, z.B. vor Kritik, können wir unsere Kreativität nicht voll entfalten. Auch darum ist es so wichtig, dass wir einen Schutzraum fürs Schreiben und Teilen unserer Texte schaffen. Einen Raum, in dem es keine äußeren Kritiker gibt, und wir uns darauf verlassen können: Hier ermutigen und stärken wir einander, hier fangen wir einander auf.

Auch unser innerer Kritiker blockiert uns, daher sollten wir ihn in der frühen Schaffensphase komplett ausschalten. Das gelingt uns am besten, wenn wir beim ersten Entwurf nicht lange grübeln, sondern einfach drauflos schreiben.

Diese Punkte sind das Fundament. Natalie Goldberg nennt ihre writing practice auch „a priori writing“. Zu einem späteren Zeitpunkt können wir überlegen, was gute Dialoge, anschauliche Beschreibungen und spannende Handlungen kennzeichnet. Wir können uns mit Stilfragen befassen und Techniken für die Überarbeitung erlernen. Aber die Grundlage dafür ist ein freies, entspanntes Schreiben und das Vertrauen darauf, dass die Geschichten schon in uns schlummern.

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