Nachdem ich schon einige virtuelle Schreibworkshops von Literaturgrößen wie Margaret Atwood und Amy Tan auf der Plattform Masterclass angehört hatte, wollte ich wissen, was Joyce Carol Oates über die Kunst der Kurzgeschichte zu erzählen hat. Hier findest du sechs konkrete Tipps aus ihrem Workshop, die dir beim Schreiben von Kurzgeschichten helfen können.
Wer gerade erst mit dem Schreiben beginnt, sollte mit Kurzgeschichten anfangen, rät Joyce Carol Oates. Sie muss es wissen: Immerhin hat sie unzählige Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht und gilt als eine der wichtigsten amerikanischen Autorinnen.
Schreib-Neulinge fühlen sich oft von der jahrelangen Arbeit an einem Roman abgeschreckt. Sich so etwas Großes vorzunehmen, kann dazu führen, dass man auf halber Strecke aufgibt.
Eine Kurzgeschichte ist dagegen schneller geschrieben – und wird vielleicht sogar in einer Zeitschrift oder Anthologie veröffentlicht. Das motiviert uns und wir lernen, unsere Schreibprojekte zu beenden.
1. Schreibe deinen ersten Entwurf in einem Rutsch
Um das Schreiben in deinen Alltag zu integrieren, eignen sich laut Oates 40-minütige Einheiten: Sie sind lang genug, damit du tatsächlich etwas zu Papier bringst. Und kurz genug, um konzentriert im Schreibflow zu bleiben.
Am besten schreibst du deinen ersten Entwurf in einem Rutsch runter, ohne dich auszubremsen. Dieser Zugang hilft besonders beim Schreiben von Kurzgeschichten: Ihre Form ist kompakt, ihr Spannungsbogen überschaubar, und du verlierst dich dabei nicht in Nebenhandlungen.
2. Erfinde Figuren, die dich wirklich interessieren
Warum ticken Menschen so, wie sie ticken? Das ist für Oates eine der wesentlichen Fragen beim Schreiben.
Sie empfiehlt, Figuren zu erfinden, die dich wirklich faszinieren. Und natürlich beobachtest du sie dann nicht nur dabei, wie sie sich die Zähne putzen: Das wäre zu banal. Denn wie im Roman geht es auch in einer Kurzgeschichte um Schlüsselereignisse, um entscheidende Momente im Leben deiner Figuren. Konzentriere dich dabei auf einen zentralen Konflikt oder Wendepunkt.
3. Bleib neugierig wie ein Kind
Hast du dir deine kindliche Neugier bewahrt? Wenn nicht, kannst du versuchen, mit diesen einfachen Impulsen den Zauber deiner Kindheit wieder wachzurufen. Schnapp dir doch gleich dein Notizbuch und schreibe drauflos:
„Erinnere dich an dein erstes Kinderzimmer.”
„Wie waren deine Eltern, als sie noch jung waren?”
„Wonach hat es damals gerochen oder geschmeckt?”
Nimm dir regelmäßig ein paar Minuten Zeit, um deinen Kindheitserinnerungen nachzugehen. Oft steckt darin der Keim für die nächste Kurzgeschichte.
Oates gibt außerdem folgenden Tipp: Notiere dir, welche Bücher und Filme du als Kind mochtest. Sie prägen deinen heutigen Geschmack, und liefern dir Themen, über die du schreiben könntest.
Finde jeden Tag aufs Neue heraus, was dich fasziniert, und kultiviere dein kindliches Staunen und deinen Forschergeist.
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SCHREIBFREUDE KLINGT GUT4. Du hast keine Ideen? Dann bewege dich!
Was kannst du tun, wenn dir die Schreibideen ausgehen? Laut Joyce Carol Oates wirkt sich Bewegung wie Laufen oder Spazierengehen positiv aufs Schreiben aus. Eine Übung dazu lautet:
Geh spazieren und erzähle dir dabei eine Geschichte. Schreibe sie später aus dem Gedächtnis auf.
Auch andere kreative Tätigkeiten wie Malen oder Musizieren regen unterschiedliche Hirnareale an und liefern dir neue Einfälle.
„Schreiben sollte angenehm sein und Spaß machen“, sagt Oates. „Es sollte entdeckend sein: Schreibe über Dinge, die dich selbst überraschen.“
5. Lass dir Zeit für die Überarbeitung
Wenn wir du deinen ersten Entwurf frei heruntergeschrieben hast, beginnt die eigentliche Arbeit: die Überarbeitung. Dieser Phase solltest du genügend Zeit einräumen.
Bei der Überarbeitung gibt es zwei Ebenen: Einerseits die Geschichte mit ihren Figuren, dem Aufbau, der Handlung und den Dialogen. Andererseits den Stil und die Sprache.
Lies dir deinen Text mehrmals durch. Auf der inhaltlichen Ebene kannst du dann
- skizzierte Passagen weiter ausarbeiten
- die Dialoge schärfen
- das Setting präzisieren
- alles Überflüssige streichen
Gerade bei einer Kurzgeschichte gilt: Verdichtung ist alles. Wenn du merkst, dass eine Figur keine Funktion erfüllt, solltest du sie streichen. Manchmal hilft es, die Eigenschaften mehrerer Figuren zu einer einzigen zusammenzufügen.
Die zweite Ebene – Stil und Sprache – ist eng mit dem Inhalt verwoben: Jede Entscheidung, die du über Wortwahl und Stilmittel triffst, wirkt sich auch auf die Geschichte aus.
6. Lies aufmerksam und lerne von anderen
Wie kannst du dich beim Schreiben weiterbilden? Laut Joyce Carol Oates solltest du dazu vor allem aufmerksam lesen. Wenn du ein gutes Buch in die Hand nimmst, frage dich beim Lesen:
- Wie ist diese Geschichte aufgebaut?
- Was gefällt dir besonders gut?
- Was fesselt dich an den Dialogen?
- Wie funktioniert der Humor?
- Was macht diesen Stil besonders?
Lege dir für diesen Zweck eigene Leselisten an: Welche Autor:innen möchtest du mit Blick auf solche „technischen Aspekte“ genauer unter die Lupe nehmen?
Du könntest auch mit anderen Schreibenden zu diesem Zweck eine Literaturgruppe gründen.
Streiche dir beim Lesen an, was dir gut gefällt. Notiere dir gelungene Textstellen und deine Überlegungen dazu in deinem Notizbuch oder einer Datei. (Vergiss darüber aber nicht das spontane Lesen – einfach nur aus Spaß!)
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