Zeichnen gegen Schreibflauten: Tipps von Amy Tan

Töchter des Himmels. Die Frau des Feuergottes. Das Tuschezeichen. Die meisten von uns kennen sicher zumindest einen von Amy Tans Bestsellern. Die Schriftstellerin wurde als Tochter chinesischer Einwanderer in Kalifornien geboren, und so erfährt man darin viel über das Leben(sgefühl) der „Chinese Americans“. Ich habe mir vor einiger Zeit auf der Hochglanz-Plattform Masterclass Amy Tans Schreibworkshop angeschaut.

Ihr wichtigster Tipp lautet: Don‘t hesitate to call yourself a writer. Wer noch nichts veröffentlicht habe, neige oft dazu, sich selbst abzuwerten. Als stünde der Titel eines writer nur Literaturgrößen wie Jane Austen oder Charles Dickens zu. Amy Tan meint: Solange dir das Schreiben wichtig ist, gehörst du zu dieser Gemeinschaft dazu! Du verdienst dir diesen Titel allein dadurch, dass du schreibst. Also zögere nicht, das klar zu benennen, denn es prägt deine innere Einstellung zum Schreiben.

Wenn wir mit dem Schreiben beginnen, sollten wir noch nicht übers Veröffentlichen nachdenken. „Erzähle dir selbst die Geschichte“, sagt Amy Tan. „Schreibe etwas, das dich glücklich macht und dich so fasziniert, dass du dich dafür jeden Tag hinsetzt.“ Unser erstes Ziel sei es, das zu beenden, was wir angefangen haben, und uns dabei das Handwerkszeug zu erarbeiten.

Widersprüche machen Figuren interessant

Wie können wir überzeugende Figuren entwickeln? Laut Amy Tan machen vor allem Widersprüche die Menschen interessant. Jemand kann sanftmütig sein – und die Beherrschung verlieren. Jemand kann schüchtern sein – und beim Karaoke die Sau rauslassen. Eine ihrer Schreibübungen lautet daher: „Schreibe eine Liste von Menschen, die du kennst und liste Widersprüchliches in ihrem Charakter auf.“ Setze auch dich selbst auf diese Liste, und lass Elemente von dir in deine Figuren einfließen. Das macht sie stark und glaubwürdig. Wann immer wir beim Schreiben feststecken, sollten wir uns nach den Motiven unserer Figuren fragen: „Was treibt sie an?“ „Warum tun sie das, was sie tun?“ „Wovor laufen sie davon – oder worauf steuern sie zu?“

Eine wichtige Quelle für Amy Tans Inspiration sind eigene Erinnerungen und Gefühle. Besonders stark erinnern wir uns an Emotionen, die wir mit einem bedeutsamen oder tragischen Ereignis verknüpfen. Natürlich erinnern wir uns nicht an irgendeinen Dienstag vor zwanzig Jahren. Aber die meisten von uns wissen genau, wo sie waren, als sie von den Terroranschlägen des 11. September erfahren haben. Der Stil und Tonfall, in dem wir über unsere Erlebnisse schreiben, hänge mit unserer momentanen Gemütslage zusammen: Sind wir beim Schreiben gut gelaunt, bewerten wir das Ereignis anders, als wenn wir in einer melancholischen Stimmung sind. Das sollten wir genau beobachten, um es steuern zu können.

Wie können wir ins Schreiben kommen? Hierfür eignet sich laut Amy Tan das „Journaling“: In unserem Journal können wir uns erinnern, Gedanken festhalten, oder uns Notizen machen über Menschen, denen wir begegnen. Das schult unsere Beobachtungsgabe und schärft unseren Blick für den Zauber des Alltäglichen. Sie empfiehlt uns auch, Gesprächsfetzen zu notieren, die wir hören. Das hilft uns, lebendige Dialoge zu schreiben.

(Art) Journaling macht uns kreativ

In unserem Journal können wir auch Listen von Dingen anlegen, die uns auffallen, die wir mögen oder verabscheuen. Wir können Formulierungen und Ausdrücke sammeln und unseren Wortschatz erweitern. Amy Tan ist auch ein Fan des „Art Journaling“ – also davon, im Journal etwas zu zeichnen. Auch wer glaubt, kein Talent dazu zu haben, sollte versuchen, einen Gegenstand abzuzeichnen oder etwas aus dem Gedächtnis malen: Das schult den Blick für (un)wesentliche Details.

Das Zeichnen kann uns auch über Schreibflauten hinweghelfen: Wenn wir das Schreiben aufschieben, steckt dahinter meist keine Faulheit, sondern die Angst zu versagen. Indem wir weiterhin zeichnen, so Amy Tan, bleiben wir kreativ. Und wir sammeln Inspiration für Zeiten, in denen uns das Schreiben wieder leichter von der Hand geht. Auch eine Bestseller-Autorin kennt Phasen der „Aufschieberitis“. Dann zeichnet sie nicht nur, sondern schwimmt mit Haien (!) oder geht in die Natur, um Vögel zu beobachten. Ich habe aus diesem Workshop einige Schreibtipps mitgenommen und habe mir vorgenommen, demnächst Amy Tans Kurtisanenhaus zu lesen.

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