Adventskalender 2025: Textsammlung

Im Dezember 2025 gab es zum vierten Mal den „Schreibfreuden-Adventskalender“. Dabei habe ich an alle, die sich angemeldet hatten, täglich einen (garantiert nicht KI-generierten) Bildimpuls verschickt. Insgesamt haben diesmal einige hundert Schreibende bei der vorweihnachtlichen Aktion mitgemacht. Hier kannst du einige der Kurztexte lesen, die dabei entstanden sind.

Angst atmen

Von Matilda

Angst blättert von den Wänden
wie alte Farbe.

Die Wände flüstern von Flucht,
vom Vergessen, von Einsamkeit.

Ein endlos langer Gang,
alle Stationen durchlaufen.

Angst blättert von den Wänden
Sie krallt sich fest, noch.

Dämonen hinter offenen Türen,
können sie fliegen?

Wer hört noch zu, wer hört die Geschichten,
wer erzählt sie weiter.

Angst blättert von den Wänden,
wann wird sie vergehen.
Wann?

***

Macht hoch die Tür …

Von Monika Kühn

Die Metalltüren sind hoch, aber durch sie schritt kein König, kein Herr. Diese Türen wurden mit finsteren Blicken geöffnet und schnell wieder verschlossen. Die Wärter ignorierten die Schreie und Flüche der politischen Gefangenen.
Aber das ist lange her. Die Insassen sind tot oder wurden verlegt. Jetzt stehen die Türen offen. Doch eintreten möchte man nicht.
Der Putz blättert von den Wänden und bildet bizarre Strukturen. Als habe die Verzweiflung sich in den Mauern eingegraben und breche jetzt hervor.
Vielleicht geistern die Seelen der Verstorbenen durch diesen verlassenen Ort.
Vielleicht sind es aber auch nur die Ratten.

***

Alfred und der Regen

Von Sarah

Alfred sah sich um, was tat er hier? Ihm war kalt und seine Kleidung war nass. Er war einfach in den Bus gestiegen, ohne zu schauen, wohin dieser fuhr.
Jetzt wusste er nicht, was er machen sollte. Alfred war kein Abenteurer, aber vielleicht war es genau deshalb gewesen. Einmal etwas tun, was er sonst nicht tat!
Da war eine Schülergruppe. „Entschuldigung, wohin fährt der Bus?“ Ein Schüler antwortete: „Sie sind im 57A. Wir fahren ins Technische Museum. Das ist voll cool!“
Ein Lächeln zeichnete sich auf Alfreds Gesicht ab. Warum eigentlich nicht? Es sollte doch noch ein schöner Tag werden!

***

Mensch ärgere dich nicht

Von Brigitte Karin Becker

„Sechs!“
„Du mogelst!“ Helga haute so fest auf den Tisch, dass die Halmafiguren vom Brett hüpften.
„Du weißt doch, dass ich zaubern kann“, Gerda schürzte die zu rot geschminkten Lippen zu einem süffisanten Lächeln.
„Deine paar Taschenspielertricks aus der Grundschule. – Gib mir deinen Würfel!“
Mit arglosem Gesichtsausdruck reichte Gerda Helga den Würfel. Er war in Ordnung. Den, mit dem sie gespielt hatte, hatte sie längst verschwinden lassen. Sie streckte die Hand aus:
„Ich bekomme noch 40 Euro von dir. Ich hatte einen Gelben vorne im Haus.“
Helga ballte die Fäuste.

***

schneehütte

Von Danni Merz

drinnen ist es dunkel und still
draußen der wind
zwischen den ritzen
musik aus einer anderen welt
drinnen ein gedanke:
flüchtiger flatternde spatz auf dem dach
zwischen zeilen und orten
draußen die frage
die sich drinnen nicht stellt:
wohin mit meinen worten

***

Teddys Verlorenheit

von Ikka

Armer Kerl. Wie hängt er da schlaff in den Seilen. Keiner kümmert sich um ihn. Keiner liebkost ihn. Allein. Wurde er vergessen? Sucht man ihn? Ohne ihn geht es doch nicht. Er war immer dabei, im kuscheligen Bett, beim Arzt – ein Tröster: weiches Fell, knopfbraune treue Augen, putzige Schnauze zum liebevollen Nasestüben, biegsame Ohren zum zärtlichen Hineinflüstern “Wie lieb ich dich hab’!” Arme, die jederzeit bereit sind zu umarmen und ein rundes Bäuchlein zum sanften Streicheln … Sehnsuchtsobjekt, Kindheitstraum, Erinnerungsglück.

***

Von Sophie Rosa

Krieg.

Das Rauschen
Des Vaterlandes
Über Lügen

Politiker-Inszenierung von Macht

Tod
Zwischen
Uns

***

Zeitverzögert

Von Nadja Flickinger

Noch sitzt er neben ihr, möchte sie glauben.
Denn das Sofa wirft Falten von seinem Gewicht.
Noch haftet sein Atem in ihrem Gesicht
samt der Worte, die er dazu geklebt hat.
Sie versteht sie nicht.
Noch zögert die Zeit, ist kaum vergangen.
Vielleicht bleibt es auch so und er kommt gleich zurück.
Sie zögert, sich umzuschauen und senkt ihren Blick.
Sie will ihn nicht suchen, denn dann wäre er fort.
Noch riecht sie ihn.
Noch gibt es ein Wir an diesem Ort.

***

Pyramidenwache

Von Katrin F-K

In meiner Kindheit stand auf dem Stubentisch eine Tischpyramide mit Flügeln aus Holz.
Da sich der Drehteller verhakte und anhielt, gerieten die Flügel rasch in Brand. Um einen Feuerübergriff zu verhindern, musste die Pyramide immer von Jemandem bewacht werden.
Auf dem Küchentisch stand eine Pyramide aus goldglänzendem Metall. An deren Flügelrad hingen zwei schmale Streifen herab. Durch die Drehbewegung stießen diese an zwei Teller an. Ein feines Klingeln erklang.
Forschend nahmen wir gelegentlich die Tellerchen ab. Die Streifen begannen dann waagerecht zu schweben.
Durch diese, unsere Alltags- Pyramide leuchteten unsere Kinderherzen und in unseren Ohren klingelte Weihnachten.

***

Erinnerungsglück

Von Stephanie Engel

so
ein altes Radio
blitzeblank geputzt
dann und wann benutzt
Drehknöpfe und Tasten
die nach Belieben rasten
da leuchten die Augen der Omama
verzaubern ihr Herz – wunderbar
wiegt sich im Takt der Musik
als erklingt ihr Lieblingslied
schließt die Augen sanft und leise
und auf wundersame Weise
kehrt die Erinnerung zurück
oh was fühlt sie großes Glück
kann es kaum fassen
damals auf den Rheinterrassen
als der Fred sie in die Arme nahm
und ganz ohne Scham
vor den Augen aller Leute
ja das weiß sie noch wie heute
mitten auf den Mund geküsst!

***

Von Monika Dietrich

so schief und klein und rot
ohne namensschutzschild
stehst du dort im tiefen schnee

hinter dir trauert die weide
erhascht keine blicke
auf deine eingeweide gefroren

entfaltet sich die öde
überall spuren von krieg
sparflammen der herzlichkeit

kein funkeln kein lichterreigen
nur das entfärbte blutrot
ahnungen von ahnendasein
von hinten gesichtslose

warum sollen menschen sich
bekriegen um den
frieden zu verteidigen

ich hetze stumm durch
mein inneres absurdistan
krieche auf allen vieren um die
demut einzusammeln

an den rändern versiegt die
bedeutung wird abgetrieben
nur die dunkelheit kündet
den suchenden von vorherigem

***

Hinter Glas

Von Evelyn Gebhardt

Es gibt zwei Lücken in meinem Leben. Ich habe meine Großmütter nie kennengelernt. Von ihnen existierte jeweils nur ein Portrait. Schwarzweiß. Zehn mal fünfzehn. Durch das Vitrinenglas hatten sie mich im Blick. Als schauten sie in meine Welt, nicht wissend, dass sie die Exponate waren. Ich fühlte mich ihnen verbunden. Allein durch die Erzählungen ihrer Töchter. Ihr Leben war schwer, von Arbeit und Entbehrung geprägt. Ich kenne nur ihre Gesichter. Nicht ihre Hände. Kannten sie Nagellack? Trugen sie Schmuck? Hatten sie Risse oder Narben? Wenn sie mich hätten streicheln können, würde ich es wissen. Man sollte mehr Hände fotografieren.

***

Was für ein Moment

von Astrid

Blätter rascheln unter meinen Füssen und darunter sanft wie eine Umarmung, schwarzweiche Erde. Bin eingeladen zum tief einsinken – spüren. Fast wie durch die Erdkruste hindurch, bis nach „Mittelerde“. Jeder Fuß hebt und und senkt sich, wie ein eigenes Universum – freudumwebt. Ich halte inne. Das Wort Waldsehnsuchtserfüllungsmoment entsteht in meinem Kopf. Alltagsgedanken und alles, was bedrängt, sich nicht richtig anfühlt, weicht zurück. Ich bin das Rascheln im Gebüsch. Ich bin kalte Luft, weite Schritte, ich bin eine reifüberzogene Fichtennadel. Ich bin jetzt.

***

Abkühlung im August

Von Annette Doppke

Mitte August. Wenn ich nachts nicht schlafen kann: Drückende Hitze draußen. Abgestandene Luft drinnen.

Dann kommen sie um die Ecke gebogen: Gedanken über Schneerieseln, romantische Vorstellungen über Auslagen mit Weihnachtsgeschenken in den Geschäften.

Das Licht kann ich nicht anmachen, dann kämen die Insekten herein. Leider nicht nur Motten, sondern auch diese stechenden Viecher, die mich noch an den Tagen danach an schlaflose heiße Nächte im Hochsommer erinnern.

Erste Weihnachtsmelodien schleichen sich in mein Bewusstsein.

Wenn ich mir Bilder von Rodelpartien auf dem Idiotenhügel unseres Städtchens in Erinnerung rufe, sinkt die gefühlte Raumtemperatur auf Anhieb um mindestens 10 Grad Celsius.

***

Mensch

Von Elke Erben

Mensch ärgere dich nicht – leicht gesagt, aber doch so schwer umzusetzen in einer Welt, in der das miteinander so schwierig geworden ist. Die geprägt ist von Egoismus, Macht und Konsum. Wo Menschen einander nicht mehr vertrauen und nicht miteinander, sondern gegeneinander agieren. Wo die eigenen Interessen im Vordergrund stehen statt an die Gemeinschaft und das Wohl aller zu denken. Wo Menschen ausgegrenzt werden, nur weil sie aus einem anderen Land kommen, eine andere Sprache sprechen, eine andere Hautfarbe haben oder an einen anderen Gott glauben. Wann darf der Mensch einfach nur wieder Mensch sein und miteinander spielen?

***

Mozart lässt grüssen

Von Yvonne Wohlgensinger

Mozart’s Sinfonien werden immer und ewig lebendig sein. Erhebend in ihrer Tiefe laden seine Werke zum Träumen ein. Von den Klängen entführt, tragen mich die Melodien weit weg. Vielleicht in Mozarts Lebenszeit? Könnte ich ihm zusehen, wie er die Noten aufs Papier zaubert? Die Musik war schon in ihm. Er musste sie nur noch aufschreiben.
Ein Genie, das seinesgleichen sucht. Bis heute unerreicht, kann ihm niemand das Wasser reichen. Ein Mozart bleibt ein Mozart.
In meinen inneren Betrachtungen sehe ich ihn sitzend in einer Kutsche.
Was würde Mozart zum heutigen schnellen Leben und zur Musik sagen?

***

Schwimmbeckenrand

Von Stephanie Nemec

„Cool!“, sagte Susann auf einmal.
„Hmm?“ Alice wusste nicht, was ihre Freundin meinte.
„Deine Chucks. Neu?“
Alice grinste. „Ja, gestern gekauft. Vom Geld fürs Rasenmähen bei Herrn Dorner.“
Dann kehrte wieder Schweigen ein. Nicht unangenehm. Einfach zwischen zwei Freundinnen, die einander schon ihr ganzes Leben lang kannten. Sie saßen an ihrem Lieblingsplatz, am Rand des Schwimmbeckens, das seit Ewigkeiten kein Wasser mehr gesehen hatte. Das Freibad war seit Langem geschlossen, und doch gehörte es untrennbar zur Geschichte der beiden Mädchen. Es war auch schon der Lieblingsort ihrer Mütter gewesen. Hier hatten die Mädchen von damals die Väter von heute kennengelernt.

***

Auf der Elbe

Von Birgit

Es war die letzte Fahrt im Jahr. Kaum noch Gäste.
Nur vereinzelt hatten sich noch ein paar Nordlichter auf’s Schiff begeben.
Die Touristen waren auf den Weihnachtsmärkten und in den Theatern.
Ich liebte diese letzte Fahrt auf der Elbe, die grau ans Schiff klatschte.
Ich brauchte nicht viel reden, keine Witze machen und Hamburg als Tor zur Welt anpreisen.
Wer HEUTE kam, wollte genau DAS: in Ruhe auf’s Wasser schauen, den Feierabend des Jahres riechen und – wenn’s hoch kommt- ne Tass vull schnacken über dütt und datt.

***

Freundinnen

Von Petra Dettki

Heute ist es so weit. Wie lange war das her, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, vier oder fünf Jahre? Irgendwie hatte es mit Corona zu tun. Wie man das so sagt: vor Corona nach, nach Corona, wie eine Zeitrechnung vor und nach Christi Geburt. Wir waren gute Freundinnen, konnten lachen, etwas wagen, auch mal schweigen. Dann kam Corona, und hier trennten sich unsere Wege. Jede suchte mühevoll ihren eigenen Weg, aber diese Wege trafen sich nicht mehr. Nun also heute, wir treffen uns am Fluss, sehr kontrolliert erste Worte suchend. Ich spüre, wir wollen es beide versuchen.

***

Von Bettina Heinrich

Seit einer halben Stunde warte ich nun schon vor diesem Haus. Drinnen im Haus ist alles dunkel. Ich bin hier mit Klara und Karla verabredet. Die beiden wollten bereits um die Mittagszeit da sein. Vermutlich machen ihnen die winterlichen Straßenverhältnisse ebenso zu schaffen, wie mir vorhin. Es schneit schon den ganzen Tag. Die Fahrt war anstrengend und ich bin froh, wohlbehalten angekommen zu sein.
Die Adresse stimmt. Ich wähle Klaras Nummer. Kein Empfang. Und weit und breit kein anderes Haus. Es dämmert, in einer halben Stunde wird es dunkel sein. Was, wenn sie nicht kommen?

***

Von Mona Peirhofer

Ein perfekter Tag! Sonnenschein, angenehm warm, keine Termine. Genau richtig für den Nachmittag im Park. Paris war einfach immer eine Reise wert und wenn man die Stadt schon so gut kannte, dann konnte man die Zeit auch genießen und hetzte nicht mit den Touristenströmen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten.
Der Klang der vertrauten Sprache rund um den Brunnen streichelte ihre Ohren, weich und melodiös. Ein paar Meter entfernt öffnete eine Frau ein Papiersäckchen und gab ihrem Kind ein wahrscheinlich noch ofenwarmes Croissant in die Hand. Der leichte Wind trug den Duft bis zu ihr und die Zeit blieb stehen.

***

Bär in Not

Von irmi

Mit der Sonne im Rücken ist es ganz schön hier. Aber noch schöner wäre es, jetzt ganz fest im Arm von einem Menschen zu sein, der vor Freude jauchzt, wenn wir immer höher und höher schaukeln.
Ich kann nicht verstehen, dass mein Mensch mich einfach weggeworfen hat.
Viel später eine alte Hand, die mich aufhob, auf das Schaukelbrett setzte. „Du sollst nicht im Dreck liegen.“
Die Sonne wird schwächer. Ich will nicht im Dunklen sitzen.
Da, da kommen Schritte. Die Stimme von heute morgen, die große alte Hand.
Ich kann es nicht glauben. Er steckt mich unter seine Jacke. Gerettet!

***

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