The Way of Writing: Mit Natalie Goldberg den Kritiker zähmen

„Ich erinnere mich (nicht) …“
„Ich denke (nicht) an …“
„Was ich eigentlich sagen will, ist …“

Diese drei essenziellen Schreibimpulse, dazu ein billiges Notizbuch mit Spiralbindung, einen Stift und etwas Zeit. Mehr braucht es laut Natalie Goldberg nicht für die tägliche writing practice, die sie in ihren Klassikern Schreiben in Cafés (Writing down the bones) und Wild Mind vermittelt. Im Frühjahr 2021 habe ich die berühmte Schreibtrainerin im achtwöchigen Online-Workshop The Way of Writing live erlebt, zusammen mit zweitausend Schreibenden aus aller Welt.

Laut Natalie Goldberg ist das Schreiben wie ein Muskel, den wir regelmäßig trainieren sollten. Am besten schreiben wir mit der Hand und bewegen unseren ganzen Arm, unseren ganzen Körper. Wir schreiben täglich mindestens zehn Minuten, besser sind mehrere Einheiten, die wir beliebig ausdehnen können. Wenn wir dazu noch unser Inneres und die Außenwelt aufmerksam beobachten, begreifen wir irgendwann, wie unser Denken funktioniert. Natalie ist überzeugt: Mit dieser Schreibpraxis gelangen wir in die Tiefe und nehmen wahr, wie wir wirklich denken, sehen oder fühlen, wenn unser ursprünglicher Geist nicht mehr von Ängsten oder Konventionen überlagert wird. Dort liegt das verborgen, was wir schreiben – und das, was andere lesen – wollen. Je mehr wir uns darauf einlassen, desto mehr „schreibt es uns“: Writing does writing – it is coming through us and we get out of the way.

Mit diesem freien Schreiben lernen wir auch schrittweise, unser monkey mind zu zähmen. Wir dürfen nicht auf diesen bösen, inneren Kritiker hören, der uns sagt, dass wir nichts wert sind. Wir dürfen mit unserem Zensor nicht kämpfen, ihm aber auch keine Nahrung geben. Darum ist es besser, unseren Schreibfluss nicht zu unterbrechen und nichts durchzustreichen, denn damit rufen wir ihn auf den Plan.

Das Recht, zu schreiben

Wichtig ist auch, dass wir uns andere Menschen suchen, denen wir das Geschriebene vorlesen können. Das laute Lesen intimer Rohtexte vor der Online-Community machte demnach auch einen großen Teil des Workshops aus. (Meine Sicht als Schreibtrainerin auf dieses Szenario schildere ich im Jungle Writing Blog.) Die Idee: Das Vorlesen gibt uns eine weitere Chance, unseren Geist einfach so anzunehmen. Und es schließt die Lücke zwischen dem, was wir glauben, geschrieben zu haben, und dem, was wir tatsächlich zu Papier gebracht haben. Als Zuhörer:innen lassen wir das Gelesene unkommentiert und unbewertet im Raum stehen. Damit werfen wir auch alte Vorurteile über Bord, denn es hat jede:r von uns selbstverständlich das Recht, zu schreiben, Texte vorzulesen und gehört zu werden.

Natalie Goldberg ist praktizierende Zen-Buddhistin, und Meditation ist ein weiterer Grundpfeiler ihrer Schreib-Lehre. In der Facebook-Gruppe zum Kurs las ich, dass es einige gewöhnungsbedürftig fanden, am Anfang jeder Online-Session schweigend mit Natalie vor dem Monitor zu sitzen. Fünfzehn Minuten zu meditieren – das fühlt sich für uns Ungeübte wie eine Ewigkeit an! Um diese Praxis zu verinnerlichen, braucht man sicher länger als einen achtwöchigen Kurs, es ist eine Lebensaufgabe. Es kann sich aber lohnen, mal auszuprobieren, ob eine kurze Meditation dabei hilft, besser ins Schreiben zu kommen.

A priori writing

Was man bei Natalie Goldberg lernt, ist das, was sie a priori writing nennt. Ihre writing practice bildet die Grundlage für alles, was wir später schreiben wollen. Wir sollten uns eine längere Zeit (dabei kann man durchaus in Monaten oder gar Jahren denken!) nur damit beschäftigen und fleißig Notizbücher füllen. Dabei verbinden wir uns mit dem, was wir wirklich zu erzählen haben, und bringen es zu Papier. Wir sollten uns in diesem Stadium nicht scheuen, den größten Mist zu schreiben. Kurzum: Wir müssen auf uns selbst, und auf Natalies bewährten Prozess, vertrauen. Das Editieren kommt erst nach dem Erschaffen, wenn wir Abstand zu unserem Text gewonnen haben: Wait until the blood has dried and then you will see whether it is alive.

Konkrete Hilfestellung, wie wir denn nun von diesen wilden Texten zu einem fertigen Roman kommen, durfte man von Natalies Workshop nicht erwarten. Dennoch gab sie nützliche Tipps: Wir können unsere Romanfiguren writing practice machen lassen und sie dadurch besser kennenlernen. Es ist auch sinnvoll, dass wir unseren Wortschatz erweitern, um Details anschaulich zu beschreiben. Wenn wir das tun, und unsere Umwelt genau wahrnehmen, sehen wir nicht länger nur eine Blume oder ein Auto, sondern eine Chrysantheme oder einen Cadillac.

Auch durch intensives Zuhören und aufmerksames Lesen können wir lernen, wie der menschliche Geist funktioniert, und damit unser Schreiben weiterentwickeln. Im Workshop haben wir den Roman The Beautiful Things That Heaven Bears (dt. Zum Wiedersehen der Sterne) von Dinaw Mengestu gelesen und diskutiert. Die Lektüre hat mir wieder gezeigt, dass nicht jedes Buch eine packende Handlung mit strategisch platzierten Plotpoints braucht, um anrührend und lesenswert zu sein. Wenn man zu viele „praktische Ratgeber übers Schreibhandwerk“ liest, vergisst man das leicht …

Hat dir der Artikel gefallen? Dann freue ich mich, wenn du ihn in deinen Netzwerken teilst!