Lebendige Figuren entwickeln – Teil II

Wie können wir die Figuren in unseren Romanen oder Kurzgeschichten lebendiger gestalten? Indem wir sie (noch) besser kennenlernen! Im ersten Teil dieser Serie habe ich dir einige Tipps zur Figurenentwicklung gegeben. Hier findest du drei weitere Ansätze, die auf den ersten Blick vielleicht schräg wirken. Gönn dir das Vergnügen, sie auszuprobieren, und sei gespannt auf neue Erkenntnisse.

I. Sei deine Figur

Vielleicht hast du schon vom „Method Acting“ gehört: Dabei tauchen Schauspieler:innen tief in ihre Rollen ein. Daniel Day Lewis ließ sich bei den Dreharbeiten zu „My Left Foot“ auch in den Pausen im Rollstuhl schieben, und Heath Ledger isolierte sich als Vorbereitung auf den „Joker“ einen Monat lang zu Hause.

Eine extreme Schauspielmethode, die recht umstritten ist. Aber: Wir können Elemente daraus für unser Schreiben nutzen. Versuche mal, zwischendurch die Welt mit den Augen deiner Figur zu sehen. Wie tief kannst du in sie eintauchen, ihr Leben führen, einen Augenblick lang die Figur sein …? Hier ein paar Ideen:

  • Was würde sie in diesem Lokal bestellen, oder was würde sie heute Abend kochen? Probiere dieses Gericht auch mal, selbst wenn du es sonst nicht essen würdest.
  • Welche Musik würde sie hören? Mach dir eine Playlist. Auch wenn das heißt, dass du als Death Metal-Fan nun ein paar Lieblingsschlager deiner Figur hören musst …
  • Kleide dich spaßeshalber so wie deine Figur: Such dir in einem Geschäft einige Kleidungsstücke aus, die ihr gefallen würden, und probiere sie an. Mach vielleicht auch Selfies in der Umkleidekabine.
  • Imitiere ihre Sprechweise und nimm dich dabei auf.
  • Führe eine Zeitlang Tagebuch aus ihrer Perspektive.
  • Denke dir ein Social Media oder Dating-Profil für deine Figur aus: Worüber würde sie twittern, oder wäre sie eher auf Mastodon? Wie würde sie sich auf Tinder präsentieren? (Diese Fake-Profile musst du ja nicht tatsächlich online stellen …)

II. Stell deine Figuren auf

Eine weitere Möglichkeit ist die „literarische Figurenaufstellung“ nach Christoph Altmann. Sie orientiert sich am Prinzip der Familienaufstellung aus der Psychologie. Dort geht es natürlich darum, Beziehungen sichtbar zu machen, um Konflikte zu lösen.

Die literarische Variante zur Figurenentwicklung hilft uns dagegen, Konflikte zu verschärfen. Du kannst sie nutzen, um dir das Verhältnis deiner Figuren zu verdeutlichen und Schlüsselszenen noch spannender zu gestalten! Wie funktioniert so eine Aufstellung?

  • Nimm dir Spielsteine oder Playmobilfiguren und gib ihnen die Namen der Figuren, die in der Szene vorkommen
  • Setze sie auf ein großes Blatt Papier
  • Überlege dir, welche Position auf dem Papier das Verhältnis der Figuren am besten zeigt. Sehen sie einander an? Drehen sie sich voneinander weg? Stehen zwei Figuren näher zusammen, weil sie sich gegen die dritte verbündet haben? Haben überhaupt alle eine Beziehung zueinander, oder ist jemand außen vor?

Mit der Aufstellung visualisierst du, wie die Figuren zueinander stehen.

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Wie fühlt sich das für dich an: Brauchst du engere Beziehungen? Oder einen stärkeren Konflikt? Verändere die Position der Figuren, stelle sie näher zusammen oder weiter voneinander weg …

Du könntest auch eine Veränderung durchspielen: Wie stehen die Figuren am Anfang der Szene zueinander und wo stehen sie am Schluss? Was genau hat sich verändert? Notiere dir deine Beobachtungen, um sie später beim Schreiben umzusetzen.

III. Lege Karten für deine Figuren

Einige Schreibende schwören auf Tarotkarten für die Figurenentwicklung. Dazu brauchst du ein Kartenset mit Erläuterungen der einzelnen Motive. Die einfachsten Legevarianten bestehen dann jeweils aus drei oder vier Karten.

  • Variante I: Die erste Karte steht für die Vergangenheit, die zweite für die Gegenwart und die dritte für die Zukunft der Figur.
  • Variante II: Die erste Karte zeigt das Ziel der Figur, die zweite die Motivation hinter diesem Ziel, und die dritte den Konflikt, der sich daraus ergibt.
  • Variante III: Die erste Karte steht für die Figur, die zweite für die Ausgangssituation, die dritte für die Krise und die vierte für die Lösung.

Schon mit wenigen Karten ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten.

All diese Spielereien regen deine Fantasie an und helfen dir, neue Ideen für deine Figuren zu finden, Konflikte (noch) spannender zu machen, oder den Plot weiterzuentwickeln. Und sie können dich ablenken und wieder in den Schreibfluss bringen, wenn du bei deiner Geschichte zwischendurch feststeckst.

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Erstmals veröffentlicht am 20. April 2023. Überarbeitet am 20. Juni 2024.

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