Vom Schreiben berauscht – Weisheiten von Ray Bradbury

Ideen finden durch Assoziation
Schreiben wie im Fieber
Das kreative Denken befreien

Diese drei Sätze stehen auf dem Cover meiner Ausgabe von Ray Bradburys Zen in der Kunst des Schreibens. Sie bringen den Inhalt auf den Punkt. Das Buch ist kein typischer Ratgeber, sondern eine lose Sammlung von Aufsätzen. Eine Schatzkiste voller Schreibweisheiten des berühmten Science Fiction Autors.

Eine seiner wichtigsten Botschaften: Schreibe jeden Tag. Ein Prinzip, das auch andere Schreibprofis predigen – Stichwort: „Morgenseiten“ von Julia Cameron – und das ich doch immer wieder vernachlässige. Bradbury schreibt: „Hören Sie auf den Pianisten, der einmal sagte: Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es, wenn ich zwei Tage nicht übe, merken meine Kritiker es, und wenn ich drei Tage nicht übe, merkt mein Publikum es.“ Bradbury meint damit nicht, dass sich unser Schreibstil in dieser kurzen Zeit negativ verändert, sondern dass uns unser Alltag einholt und zu schwächen versucht. „Bleiben Sie berauscht vom Schreiben, damit die Realität Sie nicht vernichten kann.“

Kleine Freuden, kleine Bitterkeiten

Entscheidend sei die Leidenschaft, das Feuer – nicht der Blick auf den kommerziellen Markt. „Was ein Autor zuallererst sein sollte, ist – erregt. Aus Fieber und Enthusiasmus sollte er bestehen. Ohne solche Energie kann er ebenso gut Pfirsiche pflücken oder Spargel stechen“, so Bradbury. Wir sollten uns also fragen: Was entrüstet uns? Was lieben, was hassen wir? Was ist das Beste, das Schlimmste in unserem Leben? Das gelte es, herauszuflüstern und herauszuschreien. Keine Sorge: Es muss kein großes Feuer sein. „Ein kleines Glimmen, ein Kerzenlicht vielleicht. Suchen Sie nach den kleinen Freuden, finden und formulieren Sie die kleinen Bitterkeiten. Lassen Sie sie im Mund zergehen, probieren Sie sie auf Ihrer Schreibmaschine.“ Einer meiner Lieblingssätze: „Lassen Sie sich von der Welt durchglühen.“

Wir sind wie Becher, die sich permanent und lautlos füllen. Der Trick liegt nur darin, zu wissen, wie man sich selbst anstößt, um den wundervollen Inhalt herausströmen zu lassen.“

Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens
© Alan Light/Wikimedia Commons

Ein konkreter Schreibtipp: Substantive in Form von Listen notieren. Der See. Die Nacht. Die Grillen. Die Schlucht. Der Dachboden. Der Gnom. Das Skelett. Der Sarg. Solche Listen – oft über Jahrzehnte gepflegt – führen Bradbury zu seinen Geschichten. Er empfiehlt, sie durchzugehen, ein Wort herauszupicken und einen langen „Prosa-Gedicht-Essay“ dazu zu verfassen. Bei ihm werden diese im Schreiben automatisch zu Geschichten. Plötzlich taucht eine Figur auf, die übernimmt und die Geschichte für ihn beendet. Irgendwann kommen die Ideen immer schneller und die Stories schreiben sich wie von selbst. Die Magie des freien Schreibens und Assoziierens.

Nächtliche Spaziergänge und Bibliotheksbesuche

Lesen ist essenziell. Laut Bradbury vor allem Gedichte, aber auch Essays, Romane und Kurzgeschichten. „Lesen Sie Autoren, die so schreiben, wie Sie gerne schreiben möchten, so denken, wie Sie gerne denken würden. Aber lesen Sie auch die Autoren, die nicht so denken und schreiben, wie Sie denken oder schreiben wollen, und lassen Sie sich dadurch zu Richtungen anregen, die Sie vielleicht noch jahrelang nicht einschlagen werden.“ Lesen also. Dazu beobachten, schreiben, imitieren. Nächtliche Spaziergänge unternehmen. Tagsüber durch die Gegend streifen und Bibliotheken besuchen.

Der rote Faden: Es geht um unsere Muse, unsere Kreativität, und wie wir sie nähren können, um wunderbare Texte zu schreiben. Es geht um den Zustand des „Flow“ – ähnlich wie im Zen-Buddhismus – und wie wir ihn im Schreiben finden können. Ein Buch, in dem ich immer wieder gern blättere, um mich inspirieren zu lassen. Besonders dann, wenn ich gerade wieder mit meinem Schreiben hadere …

Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens
Autorenhaus Verlag 2016 (3. Auflage)
184 Seiten, EUR 16,99
ISBN 978-86671-135-8

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