Read to me: Der Podcast zum Zuhören und Lieben

Becky Karush ist „Gateless Writing“ Lehrerin und Erfinderin des wunderbaren read to me Podcast. Darin liest sie jede Woche eine literarische Textpassage vor, hört genau zu und schildert, was sie berührt und fasziniert. Es ist ein Genuss, ihr zuzuhören und diese positive Energie zu spüren. Ich habe mit Becky über ihren Podcast, ihr Schreiben und „Gateless Writing“ gesprochen.

Becky, erzähl uns etwas über deinen Hintergrund und dein Schreiben!

Ich denke, unsere Gehirne sind unterschiedlich organisiert. Bei manchen Menschen dreht es sich um Zahlen oder ums Tanzen, und in meinem Gehirn dreht sich alles um Sätze und Wörter. Als Teenager habe ich Gedichte geschrieben. Auf der Uni ist mir das verloren gegangen. Das war eine schwierige Zeit und ich habe fünfzehn Jahre lang nicht mehr frei und freudvoll geschrieben.

2012 habe ich Suzanne Kingsburys „Gateless Writing“ Salons entdeckt, ganz in der Nähe von mir. Dort haben die anderen bei meinen Texten genau hingehört, und ich habe in ihren Texten so viel entdeckt. Das hat sich gut angefühlt und ich habe gemerkt: Da ist eine Gemeinschaft von Schreibenden, und das Blatt Papier ist mein Partner. Ich muss mich gar nicht anstrengen oder mir ständig Gedanken machen. Das hat wirklich meine Einstellung zum Schreiben verändert.

Wie ist die Idee zu deinem Podcast entstanden – und wie entdeckst du die Bücher, über die du sprichst?

Ich wollte etwas erschaffen, das meinen Namen trägt. Etwas, wofür ich verantwortlich bin. Es liegt mir, bei Texten nach dem „Gateless“ Prinzip genau hinzuhören und auf das zu achten, was mich daran berührt. Aber es fällt mir nicht leicht, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, und mit diesem Projekt kann ich das üben.

Im ersten Jahr habe ich über alles gesprochen, das mich interessiert hat. Mittlerweile plane ich einige Monate im Voraus: Welche Bücher erscheinen bald? Wer könnte Lust haben, mit mir zusammenzuarbeiten? Ich spreche oft über Debütromane, denn da sind die Autor:innen sehr an Sichtbarkeit interessiert. Bisher hat fast niemand meine Anfrage abgelehnt.

Wie entsteht eine Podcast-Episode?

Manchmal lese ich den ganzen Roman als Vorbereitung, manchmal einige Abschnitte daraus. Dann schreibe ich ein Skript mit meinen Gedanken dazu. Ich improvisiere zwischendurch, damit es nicht zu abgelesen klingt. Es dauert etwa eine Stunde, alles aufzunehmen. Ein Tontechniker bearbeitet die Episode, dann wird meine Website aktualisiert, und dann bekommen die Podcast-Abonnent:innen eine Nachricht. Es macht viel Arbeit – und momentan verdiene ich nichts damit.

Abgesehen vom Hörvergnügen: Was können Schreibende aus deinem Podcast mitnehmen?

Wenn wir anderen genau zuhören, spiegelt sich das in unseren Texten wider. Sogar, wenn wir nur fernsehen, schleicht sich das in unsere Träume und Sprachmuster ein. Wir verarbeiten Informationen, indem wir uns darin vertiefen. Je mehr wir das üben, desto mehr zeigt es sich in unseren Werken. Das kann uns zunächst ein bisschen destabilisieren.

Wenn wir anderen genau zuhören, spiegelt sich das in unseren Texten wider.

Becky Karush

Von etlichen Schriftsteller:innen wissen wir, dass sie auf ihren Schreibmaschinen Wort für Wort die Geschichten abgetippt haben, die ihnen gefielen. Man merkt dabei, welchen Rhythmus ein Text hat. Das ist kein bewusstes Nachdenken, kein kognitives Kontrollieren. Man bringt das Geschriebene in den eigenen Körper hinein, und der Körper drückt es wieder aus. Irgendwann betrachtest du auch deine eigenen Werke anders.

Wie hat sich dein eigenes Schreiben durch „Gateless Writing“ verändert?

Es hat vor allem verändert, wie ich über das Schreiben und über mich als Schreibende denke. Ein Teil davon ist das tiefe Vertrauen darauf, dass ich ein writer bin, dass die Geschichten schon da sind, dass ich dem Blatt Papier begegne, und dass es meine Gesellschaft schätzt. Das sind radikale Ansichten, wenn man in einer Kultur aufgewachsen ist, die glaubt, dass nur einige wenige Menschen das Talent zum Schreiben haben. Und dass du – wenn du nicht das richtige X (Größe, Gewicht, Hautfarbe, …) hast – keine Chance hast. Es ist diese Magie, wenn du Buchstaben zu Papier bringst, und dich darauf verlassen kannst: Du musst nur auftauchen, und dann ist die Magie auch da.

Eine geistige Haltung ist, dass du bei einem größeren Projekt nicht schon den ganzen Weg kennen musst. Wie beim Autofahren in der Nacht: Im Scheinwerferlicht kannst du immer nur ein kleines Stück des Weges sehen, und am Ende bist du am Ziel. „Gateless“ hat mir geholfen, Geduld zu haben.

Es hat mir auch gezeigt, dass die Zweifel, die wir Schreibenden haben, immer gleich sind. Bin ich es wert, eine Stimme zu haben? Bin ich gut genug? Für jede:n von uns gibt es einen Weg für unser Talent und unsere Kreativität. Mein Job ist es, dies zu erkennen, wenn es die Schreibenden gerade selbst nicht können. Das gibt ihnen den Mut, einen weiteren Schritt zu gehen, denn da ist jemand, der eine erweiterte Sicht darauf hat, wie kreative Projekte vorankommen.

Was sagst du Menschen, die meinen: „Ohne harte Kritik kann ich doch mein Schreiben nicht verbessern!“

Es gibt verschiedene Wege, ein exzellentes Werk zu erschaffen. Wenn eine Person in einem Umfeld aufblüht, das sich darauf konzentriert, was wehtut, oder was schlecht ist, dann wünsche ich ihr alles Gute. Oft sind die Menschen neugierig auf die Methode, aber skeptisch. Dann erkläre ich, dass es diesen Aktivierungsmechanismus gibt: Das, worauf wir uns fokussieren, blüht auf. Oder ich zitiere wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, was sich in den Gehirnen großer Künstler:innen abspielt, wenn sie im Flow sind.

Das, worauf wir uns fokussieren, blüht auf.

Becky Karush

Ich spreche auch gern übers Schreibhandwerk und darüber, wie wir am besten Neues lernen. Das passiert nicht in dem Moment, in dem wir uns gerade innerlich gegen einen Tiefschlag wappnen. Sondern dann, wenn wir entspannt denken: „Okay, das probiere ich mal aus“. Und außerdem gibt es natürlich später einen Zeitpunkt, an dem wir wie Lektor:innen auf unseren Text schauen und uns fragen: Erzielt er den gewünschten Effekt? Aber das machen wir nicht am Anfang. Es gibt also genügend Zeit, das aufzubauen.

Was macht für dich einen guten Schreibimpuls aus?

Ein Impuls über ein Ei bringt immer erstaunlich interessante Texte hervor. Ich nutze oft körperliche Erfahrungen, Farben, Handlungen, Empfindungen. Der Impuls sollte einfach sein und gleichzeitig etwas in uns wachrufen.

Alle Episoden von Beckys read to me Podcast kannst du hier nachhören. Dort kannst du auch ihren Newsletter abonnieren und dich für ihre englischsprachigen Schreibsalons anmelden.

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