Zielgerichtet lesen, schlau zuhören, effizient notieren

Ich habe mich als Studentin oft gewundert, dass andere Studierende seitenweise Texte aus Fachbüchern exzerpiert haben. Auch in den Vorlesungen habe ich oft nur dagesessen, zugehört und mitdiskutiert – oder manchmal meinen Gedanken nachgehangen. Selten brachte ich in einem zweistündigen Seminar mehr als nur eine Handvoll Stichworte zu Papier. Selbst diese konnte ich später häufig nicht mehr zuordnen. Wenn mich jemand fragte: „Darf ich deine Mitschrift ausborgen“, musste ich verneinen. Nicht, weil ich meine Unterlagen nicht gern geteilt hätte. Sondern weil schlicht keine Mitschrift existierte.

Das gleiche galt für die Fachbücher, die ich las. Allenfalls unterstrich ich einige Passagen oder notierte mir mit Bleistift einen Gedanken am Rand. Aber Textstellen oder längere Abschnitte sorgfältig herausschreiben und archivieren? Fehlanzeige. Ich habe dies phasenweise als Defizit empfunden – aber auch ohne dicke Ordner mit Exzerpten bestand ich meine Prüfungen. Bei meinen beiden größeren wissenschaftlichen Arbeiten musste ich mich disziplinieren, Zitate in einer Weise zu archivieren, dass ich sie leicht wiederfinden und zuordnen konnte.

Zu viel des Guten?

Eine Dozentin erzählte mir kürzlich, dass es offenbar auch ein „zu viel des Guten“ geben kann: Manche schreiben nämlich so viel aus der Sekundärliteratur heraus, dass sie Kernaussagen nicht mehr erfassen können. Es scheint, als verhindere zu viel wortwörtliches Exzerpieren, dass man sich selbst inhaltlich mit dem Text auseinandersetzt. Falls du jemand bist, der aus Fachbüchern viel herausschreibt, könntest du dir vorher genau überlegen, was du dir notieren willst – und zu welchem Zweck. Als Antwort auf eine (eigene) Frage an den Text? Als Zitat, das du in einer Arbeit verwenden möchtest? Oder als Fakt, den du dir für eine Prüfung merken musst? Bevor du einen Fachtext liest, könntest du solche Fragen überlegen – und dann gezielt die dazu passenden Infos notieren.

Bei einem Vortrag oder einer Vorlesung klingt das vielleicht schwieriger. Aber auch dafür kannst du dir im Vorfeld ein paar Ziele überlegen. Was interessiert dich an dem Thema? Was weißt du schon darüber? Hast du Fragen? Das dauert nicht lange, und du bist schon darauf eingestimmt und kannst zielgerichteter mitschreiben. Und wenn du aber – wie ich – am liebsten nur zuhören möchtest und damit gut zurecht kommst, dann quäle dich nicht mit dem Gedanken, dass du mitschreiben müsstest.

Uns Schreibtrainer:innen oder Dozent:innen kann es helfen, sich die verschiedenen Schreib- oder Lerntypen gelegentlich bewusst zu machen. Wie ticken andere Schreibende? Welche speziellen Schwierigkeiten könnten damit verbunden sein? Auch wer nicht mitschreibt, kann trotzdem aufmerksam lesen oder zuhören und sich die Dinge merken. Und eifriges Mitschreiben bedeutet nicht automatisch, dass man die Inhalte behält…

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